Kontinuität oder Neugründung? Die Entstehung des Deutschen Ordens im Licht der Quellen (2)


Teil II – Der Einschnitt von 1187

Das deutsche Hospital in Jerusalem war bis 1177 mit Einkünften aus Jerusalem, Nablus und dem Binnenland ausgestattet.¹ Diese Grundlage wurde durch die militärischen Ereignisse von 1187 erschüttert. Nach der Niederlage des Kreuzfahrerheeres bei Hattin fiel Jerusalem am 2. Oktober 1187 an Saladin.²

Für das deutsche Hospital bedeutete der Verlust Jerusalems zunächst den Verlust seines Sitzes. Zugleich wurden Einkünfte aus Nablus und den umliegenden Besitzungen unzugänglich, weil diese Gebiete nicht mehr unter lateinischer Herrschaft standen. Aus einer dauerhaft ausgestatteten Einrichtung wurde damit spätestens 1187 eine Gemeinschaft ohne erkennbare wirtschaftliche Grundlage.

Die Quellen sagen nicht, was mit dieser Gemeinschaft geschah. Keine erhaltene Urkunde berichtet von ihrer Auflösung. Keine erhaltene Urkunde belegt ihre Fortführung. Zwischen den Schenkungen Amalrichs von 1173 und 1177 und der ersten Nachricht über ein deutsches Hospital vor Akkon bleibt deshalb eine Überlieferungslücke.³

Diese Lücke darf jedoch nicht mit dem Untergang der Gemeinschaft gleichgesetzt werden. Mit dem Fall Jerusalems gingen Sitz und wirtschaftliche Grundlage verloren, nicht zwangsläufig auch die Menschen, die das Hospital getragen hatten. Die Quellen berichten lediglich nicht mehr über ihr weiteres Schicksal. Ob sich die Brüder trennten, in Gefangenschaft gerieten, in andere christliche Städte flohen oder ihre Gemeinschaft an einem anderen Ort fortsetzten, bleibt unbekannt.

Gerade deshalb ist die nächste gesicherte Nachricht von besonderem Interesse. Bereits 1190 begegnet vor Akkon erneut ein deutsches Hospital. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wann dieses Hospital entstand. Sie lautet vielmehr, ob die Quellen eine vollständige Neugründung verlangen oder ob sie ebenso gut die Fortführung der älteren Jerusalemer Gemeinschaft zulassen.

Ein vorsichtiger Hinweis findet sich bei Shlomo Lotan. Er schreibt nicht, dass die Brüder des Jerusalemer Hospitals nach Akkon gingen. Er formuliert jedoch die Möglichkeit, dass Deutsche, die den Zusammenbruch des lateinischen Königreichs nach 1187 überlebt hatten und sich in Akkon sammelten, sich der neuen Einrichtung anschlossen, die die deutsche Hospitaltätigkeit im Heiligen Land fortsetzte.⁴ Diese Aussage beweist keine personelle Kontinuität. Sie zeigt jedoch, dass auch in der neueren Forschung ein Zusammenhang zwischen der älteren deutschen Präsenz im Heiligen Land und dem Hospital vor Akkon in Betracht gezogen wird.

Auch der Vergleich mit anderen geistlichen Gemeinschaften mahnt zur Vorsicht. Der Verlust Jerusalems bedeutete nicht zwangsläufig das Ende einer Institution. Mehrere Einrichtungen verloren ihre bisherigen Besitzungen und organisierten sich in den verbliebenen christlichen Gebieten neu. Für das Kloster St. Maria im Tal Josaphat sind nach 1187 neue wirtschaftliche Grundlagen in Akkon belegt.⁵ Neue Besitzungen konnten somit der Fortführung einer älteren Gemeinschaft dienen und mussten nicht notwendigerweise Ausdruck einer Neugründung sein.

Damit ist für das deutsche Hospital noch nichts bewiesen. Die Überlieferung lässt jedoch beide Möglichkeiten offen. Genau deshalb kommt den Urkunden von 1190 und 1191 eine besondere Bedeutung zu.   (Teil 1  /  Teil 3)

Fußnoten

1 Ernst Strehlke (Hrsg.): Tabulae Ordinis Theutonici, Berlin 1869, Nr. 2–3.

2 Peter W. Edbury: The Conquest of Jerusalem and the Third Crusade. Sources in Translation, Aldershot 1996, S. 53, 82–83, 162–163; Shlomo Lotan: Jerusalem in the Traditions of the Teutonic Military Order – Symbolism and Uniqueness. In: Zapiski Historyczne 75/4, Toruń 2010, S. 545, Anm. 12.

3 Ernst Strehlke (Hrsg.): Tabulae Ordinis Theutonici, Berlin 1869, Nr. 2–4.

4 Shlomo Lotan: Jerusalem in the Traditions of the Teutonic Military Order – Symbolism and Uniqueness. In: Zapiski Historyczne 75/4, Toruń 2010, S. 545: „It is possible that the Germans who survived the collapse of the Latin Kingdom after 1187 and gathered in Acre, wanted to be associated with the new institution that continued their medical activity and presence in the Holy Land.“
Andrew Jotischky: Latin and Greek Monasticism in the Crusader States, Cambridge 2020, S. 194.

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