Die Schiffenberger Komturswohnung um 1543


(F) Das am 17. Juni 1543 angefertigte Inventar der Kommende Schiffenberg vermittelt einen außergewöhnlich detaillierten Einblick in die Wohn- und Arbeitsräume des Komturs während der Amtszeit Kraft Riedesels von Bellersheim. Seine Wohnung befand sich im ersten Obergeschoss des Gebäudes, das mit der heutigen Komturei identifiziert werden kann. Dort standen ihm zwei beheizbare Stuben sowie mehrere Schlafkammern zur Verfügung.


Den Mittelpunkt der Wohnung bildete das sogenannte Gemach. Aufgrund seiner Ausstattung diente dieser Raum nicht nur dem persönlichen Aufenthalt des Komturs, sondern wohl auch repräsentativen und amtlichen Zwecken. Das wichtigste Möbelstück war ein beschlagener und versiegelter Kastentisch mit verschließbaren Fächern, in denen Schriftgut, Bargeld und andere wertvolle Gegenstände verwahrt werden konnten. Wahrscheinlich wurden hier auch Verwaltungsunterlagen der Kommende aufbewahrt. Entlang der Wände standen Sitzbänke. Hinzu kam eine Kannenbank mit zehn Trinkkrügen sowie vermutlich neun mit Noppen verzierten Weingläsern. Bemalte Wandtücher schmückten den Raum und verliehen ihm ein repräsentatives Gepräge.


Die zweite Stube war deutlich schlichter ausgestattet. Das Inventar nennt lediglich eine Lehnbank, einen Lehnstuhl und eine einfache Bank. Weitere repräsentative Einrichtungsgegenstände oder Wandbehänge werden hier nicht erwähnt, sodass dieser Raum offenbar vor allem dem täglichen Gebrauch diente.

Wo sich die Schlafkammer des Komturs befand, lässt sich aus dem Inventar von 1543 nicht eindeutig bestimmen. Zwar werden auf derselben Etage mehrere Schlafkammern genannt, doch wird keine von ihnen ausdrücklich dem Komtur zugewiesen. Erst das Übergabeinventar von 1580 bezeichnet eine Schlafkammer eindeutig als die des Komturs und beschreibt ihre Ausstattung näher. Da sich zwischen 1543 und 1580 keine grundlegenden Veränderungen der Raumaufteilung erkennen lassen und die spätere Überlieferung an die ältere anknüpft, ist es durchaus denkbar, dass es sich um denselben Raum handelt, den bereits Kraft Riedesel benutzte. Ein sicherer Nachweis hierfür lässt sich jedoch nicht führen.


Nach dem Inventar von 1580 befand sich in der Schlafkammer des Komturs ein Bett mit einem Fußtritt zum leichteren Einsteigen. Es war mit zwei Unterbetten, einem Oberbett, einem Pfühl, einem Kissen und einem Paar Bettlaken ausgestattet; ein Teppich diente vermutlich als Tagesdecke. Hinzu kam ein Schubbett, das bei Bedarf unter das eigentliche Bett geschoben werden konnte. Zwei verschlossene Truhen dienten zur Aufbewahrung wertvoller Textilien. In ihnen befanden sich unter anderem Bett- und Tischwäsche, Servietten, Handtücher, Dressoirtücher, ein samtenes Altartuch, ein leinener Chorrock sowie mehrere Ballen Leinen. Darüber hinaus wurden in der Schlafkammer ein Fass mit Verwaltungsschriftgut und Verträgen der Kommende, Zinnflaschen, Leuchter, eine Truhe mit etwa 700 Kerzen, ein Ballen groben Tuchs sowie ein zusammenklappbarer Tisch verwahrt. Die Schlafkammer diente somit nicht allein als Ruhe- und Schlafraum, sondern zugleich als sicherer Aufbewahrungsort für wertvolle Ausstattungsgegenstände und wichtige Verwaltungsunterlagen.


Im Erdgeschoss des Gebäudes befanden sich die Küche und die angrenzende Küchenkammer. Die Küche war gut ausgestattet. Das Inventar nennt unter anderem einen drehbaren Bräter für Spießbraten, einen Feuerbock, eine Kesselkette, zwei Anrichten, einen Schrank, einen Rost, vier Bratspieße, elf Pfannen, zwei kleine Kessel und sechs Töpfe. Das überwiegend hölzerne Geschirr deutet darauf hin, dass im Alltag auch die Ordensmitglieder vorwiegend Holzgeschirr benutzten.


Insgesamt vermittelt das Inventar das Bild einer zweckmäßig eingerichteten, dem Rang des Komturs angemessenen Wohnung. Repräsentative Elemente wie das Gemach mit seinem Kastentisch, den bemalten Wandtüchern und der Kannenbank verbanden sich mit einer insgesamt eher schlichten Ausstattung. Zugleich erlaubt der Vergleich mit dem Übergabeinventar von 1580 vorsichtige Rückschlüsse auf die Nutzung der Schlafkammer, ohne dass sich deren Identität für das Jahr 1543 mit letzter Sicherheit nachweisen ließe. Damit gehört die Schiffenberger Überlieferung zu den seltenen Fällen, in denen sich die Wohn- und Lebensverhältnisse eines Deutschordenskomturs des 16. Jahrhunderts in bemerkenswerter Dichte rekonstruieren lassen.

- Quelle -

Schaal, Katharina: Das Deutschordenshaus Schiffenberg in der frühen Neuzeit. Wohnkultur und Alltagsleben zwischen Reformation und Napoleon, in: Renate Becker (Hrsg.), 75 Jahre Heimatvereinigung Schiffenberg Gießen e. V., Gießen 2004, S. 33–54

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