Schlacht und Nahkampf im Mittelalter
(zum Film) Wie Schlachten im Mittelalter tatsächlich abliefen, lässt sich nur aus zeitgenössischen Berichten und der modernen Forschung erschließen. Diese Quellen zeigen ein Kampfgeschehen, das sich deutlich von späteren Vorstellungen unterscheidet.
Besonders deutlich wird dieses Bild in den Chroniken des 14. und 15. Jahrhunderts. Jean Froissart schildert mehrere Schlachten des Hundertjährigen Krieges ausdrücklich als körpernahe Auseinandersetzungen, in denen sich der Kampf nach dem Aufeinandertreffen der Linien auflöste und in ein Gedränge überging. In seiner Darstellung der Schlacht von Poitiers (1356) kämpft selbst der französische König Jean II. mit der Axt im „press“. Diese Schilderungen zeigen, dass der entscheidende Teil der Schlacht häufig nicht durch Distanzkampf, sondern durch unmittelbare körperliche Konfrontation bestimmt war.
Ein vergleichbares Bild ergibt sich aus den zeitnahen Berichten zur Schlacht von Agincourt (1415). Mehrere Quellen beschreiben, dass der Kampf nach dem Pfeilbeschuss in ein dichtes, chaotisches Gedränge überging, in dem zahlreiche schwer gerüstete Kämpfer zu Boden gingen. In dieser Phase kamen vor allem kurze Waffen zum Einsatz – Dolche, Äxte, Keulen oder Hämmer –, die sich im engen Körperkontakt effektiver verwenden ließen als lange Schwerter. Französische Chroniken berichten zudem von bleibeschwerten Keulen oder Hämmern, mit denen Gegner niedergeschlagen wurden. Belegt ist damit nicht die exakte Standardausrüstung aller Beteiligten, wohl aber der Einsatz kurzer, für den Nahkampf geeigneter Waffen in Situationen körperlicher Nähe.
Zudem wird dieser Nahkampf nicht als ungeordnete Prügelei, wohl aber als eine Form von Gewalt, die durch Stoßen, Drängen, Niederwerfen und Überwältigen des Gegners gekennzeichnet war. Faustschläge im engeren, modernen Sinn werden von den Chronisten nur selten ausdrücklich erwähnt. Quellenhart belegt ist jedoch das Ringen, Greifen und Fixieren des Gegners. Alles darüber hinaus – insbesondere Aussagen über die Häufigkeit von Faustschlägen – lässt sich aus den erhaltenen Texten nicht sicher quantifizieren.
Ergänzt wird dieses Bild durch die zeitgenössischen Kampf- und Fechttraktate des Spätmittelalters. Werke wie das Fior di Battaglia des Fechtmeisters Fiore dei Liberi oder die deutschsprachigen Handschriften der sogenannten Gladiatoria-Gruppe behandeln unbewaffnetes oder halbunbewaffnetes Kämpfen ausdrücklich als Teil eines umfassenden Kampfsystems. Ringen, Gleichgewichtbrechen und Kontrolle des gegnerischen Körpers werden dort systematisch gelehrt und stehen gleichberechtigt neben bewaffneten Techniken. Diese Traktate zeigen, dass körperlicher Zugriff im mittelalterlichen Kampf nicht als Ausnahme, sondern als realistische und erwartbare Kampfsituation verstanden wurde.
Trotz dieser Brutalität des Nahkampfs darf jedoch nicht übersehen werden, dass das Töten des Gegners insbesondere für den ritterlich-adligen Krieger nicht das primäre Ziel darstellte. Für standesgleiche oder höhergestellte Gegner war das Gefangennehmen ein ökonomisch hoch attraktives Kriegsziel, da Gefangene gegen Lösegeld freigelassen werden konnten. Dieses Vorgehen ist durch zahlreiche chronikalische Berichte, insbesondere bei Froissart, eindeutig belegt. Gefangenschaft bedeutete in diesem Kontext keinen Ehrverlust, sondern stellte eine anerkannte Form des Kriegsertrags dar.
Dieses Ziel war jedoch an Bedingungen geknüpft. Ein Gegner musste als sozial lohnend erkannt, überwältigt und kontrolliert werden können. Im dichten Gedränge der Schlacht war dies häufig nicht möglich. Gerade dort, wo Kämpfer stürzten oder ineinander verkeilt waren, entschied sich erst nach dem Niederwerfen, ob ein Gegner gefangen genommen oder getötet wurde. In Situationen, in denen Gefangene nicht gesichert werden konnten oder die eigene Sicherheit gefährdet schien, wurde auch gegenüber adligen Gegnern tödliche Gewalt angewandt. Die Gefangennahme war daher weniger eine Eigenschaft des chaotischen Nahkampfs selbst als vielmehr ein Ergebnis der Situation danach oder des gezielten Handelns einzelner Kämpfer außerhalb des unmittelbaren Getümmels.
Zusammenfassend kann man festhalten: Mittelalterliche Schlachten waren in ihren entscheidenden Phasen von extremem körperlichem Nahkampf geprägt. Chroniken und Kampflehren belegen ein Kampfgeschehen, das durch Gedränge, Ringen und den Einsatz kurzer Waffen bestimmt war. Gleichzeitig war das Gefangennehmen standesgleicher Gegner ein strukturell verankertes Ziel der adligen Kriegführung, dessen Umsetzung jedoch stark von den konkreten Umständen des Gefechts abhing.
- Literatur -
* Hans-Henning Kortüm: Krieg im Mittelalter, Darmstadt 2010.
* Werner Paravicini: Rittertum und Kriegführung im Spätmittelalter, Ostfildern 1999.
* Werner Paravicini: Adel und Krieg, Stuttgart 1996.
* Klaus Oschema: Der Tod des Kriegers, Ostfildern 2011.



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